Soziale Nachhaltigkeit erleben: Ein deutsch-spanischer Projekttag in Bad Sobernheim
„What about social sustainability?“ – Hätten Sie sofort gewusst, was damit gemeint ist? Ja, wie sieht es mit der Sozialen Nachhaltigkeit aus? Das Thema klingt so theoretisch, wird aber schnell ziemlich konkret, sobald man anfängt, gemeinsam darüber zu sprechen. Denn ohne das Soziale mitzudenken, ist Nachhaltigkeit eigentlich gar nicht möglich. Wir haben es getan, als eine Schüler-Austauschgruppe aus Spanien nach Bad Sobernheim kam.
In der letzten Aprilwoche bekam eine 9. Klasse des Emanuel-Felke-Gymnasiums Besuch von spanischen Austauschschülern im Rahmen des ERASMUS+Projekts „Die Nahe-Glan-Region auf dem Weg in eine nachhaltigere Zukunft“. Marlene Jänsch, Ansprechpartnerin für das Thema Soziale Nachhaltigkeit im Regionalbündnis, gestaltete gemeinsam mit den Lehrkräften Alexandra Picht-Willms und Hartmut Willms einen Projekttag, bei dem es um Fairness, Zusammenhalt und die Frage ging, was Menschen eigentlich brauchen, um gut miteinander leben zu können.
Das alles wurde wie selbstverständlich in mehreren Sprachen verhandelt, nicht zuletzt auch mit Mimik, Gestik, Pantomime, Schrift und Gemaltem. Gerade dieses „kommunikative Durcheinander“ machte den Tag lebendig und sorgte schnell für eine besondere Kennenlernatmosphäre.
Was brauchen Menschen eigentlich und wie wollen wir zusammen leben?
Step forward
Der Einstieg fand auf dem Schulhof statt: alle stellten sich in einer Reihe auf und bekamen einen Zettel mit einer individuellen Rolle, die sie gleich ausüben sollten, z. B. Sofia:
„Ich bin Sofia. Ich spreche zu Hause zwei Sprachen. Ich mache meine Hausaufgaben mit Hilfe meiner Eltern. Ich gehe zu Aktivitäten nach der Schule. Ich treffe oft Freunde. Ich wohne in der Stadt. Im Unterricht verstehe ich vieles schnell und helfe manchmal anderen. Ich bin gesund und konzentriert. Ich habe genug Zeit. Ich fühle mich wohl und akzeptiert.“
ODER Fatima
„Ich bin Fatima. Manche Menschen behandeln mich anders. Ich mache meine Hausaufgaben allein. Ich treffe zwar Freunde, aber nicht alle sind nett. Ich wohne in der Stadt. Im Unterricht verstehe ich nicht alles, aber schon ziemlich viel. Ich bin gesund. Ich fühle mich nur manchmal unwohl.“
Dann wurden Aussagen vorgelesen und wenn sie zutrafen, ging man einen Schritt nach vorn, z. B. „Ich fühle mich in der Schule akzeptiert“ oder „Ich bekomme Hilfe bei meinen Hausaufgaben“. Sofia konnte jeweils einen Schritt nach vorn gehen, Fatima nicht. Am Ende sah man, wie einige weit vorn standen, andere gar nicht vom Ausgangspunkt weg kamen. Wir haben dann in kleinen Gruppen gefragt, wie sich die Jugendlichen jeweils gefühlt haben. Von sehr gut und ok bis sehr schlecht war alles dabei. Diese Unterschiede sichtbar zu machen, ist enorm wichtig, um soziale Ungerechtigkeiten zu verstehen, auf die die Jugendlichen selbst gar keinen Einfluss haben, die aber für ein nachhaltiges Zusammenleben von enormer Bedeutung sind.
Grundbedürfnisse
Bei einer weiteren Übung ging es um die Frage, was Menschen eigentlich zum Leben brauchen, sogenannte „Needs“. Schnell wurden Dinge wie Wasser, Nahrung, Schlaf oder eine Wohnung genannt. Doch dabei blieb es nicht lange. Ergänzt wurden Begriffe wie Sicherheit, Zugehörigkeit, Freundschaft, Anerkennung und Teilhabe.
Wie unterschiedlich diese Bedürfnisse weltweit, aber auch regional verteilt sind, ist uns oft nicht bewusst. Gar nicht so leicht war anschließend die Frage: „Wenn ich etwas ändern dürfte …“. Konkrete Ideen zu formulieren, stellte sich als sehr schwierig heraus!
Der höchste Turm gewinnt?
Zum Abschluss wartete noch eine kleine Challenge: Aus 15 Blatt Papier und einer Rolle Klebeband sollte in kleinen Gruppen in nur 15 Minuten der höchste freistehende Turm entstehen. Alle legten direkt los. Zum Schluss stand ein (!) großer stabiler Turm im Raum, während andere Konstruktionen zwar höher waren, aber umkippten oder nur mit Hilfe stehen konnten. Ziemlich gut war zu spüren, wie unterschiedlich Gruppen zusammenarbeiten und wie wichtig Kommunikation, Planung, Beteiligung aller Ressourcen und Kompetenzen und gegenseitige Unterstützung sind.
Unterwegs in Bad Sobernheim
Nach dem gemeinsamen Mittagessen ging es zwei Stunden zu Fuß durch Bad Sobernheim. Wir gingen an verschiedenen sozialen Einrichtungen vorbei und sprachen darüber, wie Unterstützung, Teilhabe und gesellschaftlicher Zusammenhalt ganz konkret aussehen können.
Stationen waren unter anderem die Tagespflege „Altes Kino“, das „Vergiss mein nicht“, das Haus Bernardi, die Kita, die Bücherei in der alten Synagoge sowie das Büro „So gut leben im Alter“. Einige Jugendliche kannten einige dieser Orte bereits. Trotzdem war für viele neu, welche soziale Arbeit dort täglich geleistet wird.
Auf dem Hüttenberg traf die Gruppe Frau Stribny (80+), die spontan (auf Englisch!) erzählte, dass sie dort regelmäßig mit Bewohner*innen singt. Daraus entwickelte sich ein Gespräch darüber, wie bedeutsam Begegnungen und Gemeinschaft gerade auch für ältere oder beeinträchtigte Menschen sein können.
Vor dem Paul-Schneider-Gemeindehaus erzählten einige Jugendliche spontan von ihren früheren Erfahrungen in der Kindergruppe dort. Außerdem ging es um das Wirken von Paul Schneider und die Frage, warum Menschen wichtig sind, die Haltung zeigen und Verantwortung übernehmen.
Alexandra Picht-Wills und Hartmut Willms stellten auch jeweils die evangelische Matthiaskirche und die katholische Matthäuskirche vor sowie die öffentliche Bücherei, die in der ehemaligen Synagoge untergebracht ist.
Abschluss mit Gesprächen und Keksen
Der Abschluss fand im Ehrenamtsraum in der Großstraße statt: mit Getränken, Keksen und vielen Gesprächen. Vielleicht waren die Jugendlichen überrascht, wie vielfältig soziale Nachhaltigkeit eigentlich ist. Hier geht es eben nicht nur um große politische Themen, sondern oft um kleine alltägliche Fragen: Wie gehen Menschen miteinander um? Wer wird gesehen? Wer kann mitmachen? Und wie kann Zusammenleben gelingen? Dass soziale Nachhaltigkeit vor allem dort erfahrbar wird, wo Menschen miteinander ins Gespräch kommen, gemeinsam etwas ausprobieren und sich gegenseitig zuhören, konnte man hier auf jeden Fall deutlich sehen.
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