Gelebte Nachhaltigkeit an der Simera-Grundschule in Simmertal
Was als gemeinsamer Aufräumspaziergang begann, nahm an der Simera-Grundschule in Simmertal eine bemerkenswerte Eigendynamik an: Denn die Kinder bemerkten beim ersten Dreck-Weg-Tag der Gemeinde etwas, das auch die Erwachsenen zunächst nicht bedacht hatten. Diese kleine Beobachtung war der Anfang einer Entwicklung, die bis in die Schulordnung reichen sollte.
Die erste Aktion: Der Dreck-Weg-Tag
Die Themen Nachhaltigkeit und Umweltbildung kamen an der Grundschule Simera bereits vor vielen Jahren ins Rollen. Der Ausgangspunkt war der erste Dreck-Weg-Tag in Simmertal: Eine Kooperation zwischen der Gemeinde, der Kindertagesstätte und der Grundschule. An diesem Tag gingen Kindergartenkinder und Grundschüler gemeinsam mit den Erziehern und Lehrkräften für zwei Stunden durch die Straßen Simmertals. Ausgerüstet mit Plastikhandschuhen und Mülltüten sammelten sie die Abfälle im Ort auf. „Ziel war es, den Kindern ein Bewusstsein dafür zu vermitteln, was es bedeutet, wenn man Müll einfach wegwirft und andere ihn wieder aufsammeln müssen“, sagt Petra Hanne, Konrektorin der Simera-Grundschule in Simmertal. „Und das hat die Kinder so beschäftigt, dass daraus Schritt für Schritt weitere Maßnahmen entstanden sind. Zum einen ist den Kindern aufgefallen, dass wir alle Plastiktüten dabeihatten und dadurch auch Müll produziert haben.“ Die Plastikhandschuhe wurden beim nächsten Aktionstag folgerichtig durch Arbeitshandschuhe ersetzt, die Mülltüten durch Eimer. Die Aktion entwickelt sich weiter, man lernt und reflektiert gemeinsam.
Die „Müllpolizei“ übernimmt das Kommando
Aus dem Dreck-Weg-Tag und dem Thema Müll ergaben sich in den Klassen neue Fragen: Wie sortiert man eigentlich den Müll? Alles in eine Mülltonne zu werfen, kam den Schülern nicht richtig vor. Die Grundschule schaffte daraufhin mehrere verschiedene Mülleimer an. Manche Klassen malten Bilder, die auf die Eimer geklebt wurden, damit auch die Kinder, die noch nicht lesen können, wissen, welcher Müll in welchen Eimer gehört. Ein Mülltrennungssystem initiiert von den Kindern. Nach einer gewissen Anlaufzeit stellte man aber fest, dass auch dieses System nicht funktioniert. Deshalb passte man die Farben der Mülleimer dem häuslichen Mülltrennungssystem an: Gelb, Braun, Blau und Schwarz. Und die selbstgemalten Bilder wurden durch ein klar verständliches Hinweisposter, wo was hingehört, ersetzt.
Auch der Schulhof blieb nicht unbeachtet: Die Schüler bemerkten, dass nach jeder Pause auch dort Müll lag. So wurde auf Wunsch der Kinder eine „Müllpolizei“ ins Leben gerufen. Pro Schuljahr ist eine Klasse zuständig. Fünf Minuten nach der Pause sammeln immer abwechselnd zwei bis drei Kinder mit Müllzangen den Müll vom Schulhof. Im nächsten Jahr ist eine andere Klasse dran. Ein rotierendes System, das Verantwortungsgefühl schafft.
Das Bewusstsein der Kinder wuchs weiter. Ihnen fiel auf, dass sie auch beim Frühstück Müll produzierten, zum Beispiel durch in Plastik verpackte Croissants oder Käsestückchen. So wurde ein Jahr lang „Frühstück ohne Plastik“ umgesetzt. Dieses bisher herausforderndste Projekt hat zu einem sichtbaren Ergebnis geführt: Statt Plastikflaschen bringen die Kinder Mehrweg-Trinkflaschen mit zur Schule.
Nachhaltigkeit als Gemeinschaftsprojekt: Von der Heizung bis zur Schulordnung
Dass Nachhaltigkeit und Umweltschutz an der Grundschule Simera eine Gemeinschaftsaufgabe ist, zeigt sich besonders dort, wo Alltag und Organisation aufeinandertreffen.
Ressourcen im Blick
Während der Corona-Zeit wurde das richtige Lüften zur Herausforderung für die Energiebilanz. In vielen Klassen entstanden daraufhin Licht- und Türdienste, um Strom und Heizenergie zu sparen. So lernten die Kinder auch den verantwortungsvollen Umgang mit Energie in schwierigen Zeiten.
Teilen statt kaufen
Ein weiteres Beispiel ist die Bücherecke im Pausenbereich. Sie besteht aus Bücherspenden der Eltern. So bekommen gebrauchte Bücher ein zweites Leben und Schüler einen niedrigschwelligen Zugang zu Lesestoff. Und auch für den nächsten Spieletag läuft bereits die Planung und Ideensammlung für eine Brettspiele-Tauschaktion.
Pausenverkauf regional denken
Auch bei den monatlichen Pausenverkäufen wird das Thema Nachhaltigkeit mitgedacht. Eltern backen Muffins, Käsebrezeln, bieten Fruchtspieße oder Würstchen im Brot an. Die Kinder und Eltern achten hierbei zum Beispiel darauf, dass die Würstchen vom lokalen Metzger stammen und Getränke in Mehrwegbechern ausgegeben werden. Warmer Punsch wird in der Winterzeit nur in selbst mitgebrachte Tassen ausgeschenkt. Das spart Müll und stärkt die Wirtschaft vor Ort.
Nachhaltigkeit als Schulprinzip
Das Thema Nachhaltigkeit hat es mittlerweile sogar in die Schulordnung geschafft. In der alle drei Monate stattfindenden Schülermitverwaltungsstunde überlegten Klassen- und Schulsprecher gemeinsam mit einer Verbindungslehrerin, wie man Nachhaltigkeitsregeln auf die Schule übertragen kann. Anschließend wurde das Ergebnis in der Gesamtkonferenz mit den anderen Lehrkräften und Eltern besprochen. Die Regeln sind gemeinschaftlich entstanden, können in jeder Klasse auf dem Smartboard eingesehen werden und werden auch bei Elternabenden vorgestellt.
Der erste Umwelttag: „Gesunde Kinder, gesunde Erde“
Dass all diese Initiativen an der Grundschule so erfolgreich sind, liegt an ihrer Entstehungsgeschichte: Sie sind organisch entstanden und wurden im weiteren Verlauf immer stärker von den Kindern selbst vorangetrieben. Doch auch von Landesseite gibt es mittlerweile wichtige Impulse: „Das Land Rheinland-Pfalz hat beschlossen, dass Nachhaltigkeit bis 2030 in allen Schulen thematisch behandelt werden soll“, sagt Petra Hanne. Bereits im Schulgesetz ist als Auftrag der Schulen verankert, bei den Schülern „Verantwortungsbewusstsein für Natur, Umwelt und die globalen Nachhaltigkeitsziele zu fördern“.
Ein freiwilliges Angebot des Landes ist ein spezieller Projekttag inklusive Materialien, den die GS Simera unter dem Motto „Gesunde Kinder, gesunde Erde“ in diesem Jahr erstmals realisierte. Die Lehrkräfte boten ihren Klassen eine breit gefächerte Themenpalette an: Gesunde Frühstücksdetektive & Zucker-Check in Lebensmitteln, Wasserkreislauf & Wasserspartipps, Upcycling-Werkstatt, Fit wie ein Fuchs, Erde schützen & Klimahelden-Urkunde, Naturgeräusche hören und viele andere.
Einfach den ersten Schritt gehen
Anderen Schulen, die das Thema Nachhaltigkeit bei sich umsetzen wollen, aber nicht genau wissen, wo sie anfangen sollen, rät Petra Hanne: „Gehen Sie einfach den ersten Schritt. Setzen Sie ein erstes Projekt um, wie zum Beispiel den Dreck-Weg-Tag. Wenn man sich danach mit den Kindern und den Kollegen zusammensetzt und das Erlebte reflektiert, dann entwickelt sich daraus ein Weg.“
Durch das Vorgehen der Grundschule wird deutlich: Wenn man Kindern Raum gibt, ihre Umwelt mitzugestalten, wachsen Ideen und mit ihnen können sich Strukturen und Verhaltensweisen einer ganzen Gemeinschaft ändern.
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